ANTIBIOTIKA? JEIN!

Dezember 2021

Seit über 50 Jahren warne ich vor der falschen Anwendung von Antibiotika bei fehlender bzw. nicht zu verantwortender Indikation. Wie war es aber für mich möglich, bereits um 1970 diese Problematik zu erkennen? Nun, es war verblüffend einfach!

Meine damalige Frau und ich haben zwei Söhne, die Schwester meiner Frau ebenfalls. Nur: die Söhne meiner Schwägerin waren ständig erkältet und kränkelten oft – meine Söhne Axel und Christophe dagegen nur sehr selten. Beide Familien lebten im gleichen Milieu, ernährten ihre Kinder gesund und nahmen alle Vorsorge- und Schutzimpf-Termine beim Kinderarzt wahr. Was war dann der Grund für diesen Unterschied? Einige Monate später kam mir die Erkenntnis: Meine Schwägerin ging, wenn ihre Söhne einen banalen Schnupfen oder fieberfrei erkältet waren, immer sofort zum Kinderarzt – und der verschrieb stets die stärksten Antibiotika, wahre Bomben. Was bewirkte, dass das Immunsystem ihrer Kinder kaum die Möglichkeit bekam, Antikörper gegen pathogene Bakterien und Viren zu bilden.

Ich erklärte meiner Schwägerin die Situation, worauf sie die nächste Erkältung ihrer Söhne mit einfachen Hausmitteln wie Brustwickel und Honigmilch auskurierte. Und siehe da: ihre Kinder wurden längst nicht mehr so oft krank.

Das war mir eine Lehre, Antibiotika nur noch verantwortungsbewusst und zielgerichtet einzusetzen. Ein Antibiotikum ist so wertvoll wie eine Stradivari. Aber man benötigt nun mal einen virtuosen Violinisten, um ihr betörende Klänge zu entlocken.

Immer noch rezeptieren einige meiner Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland Anti- biotika in Situationen, in denen eine Verschreibung nicht gerechtfertigt, ja sogar kriminell ist, wie z.B. bei einem unkomplizierten Harnwegsinfekt oder einer banalen Erkältung. Mit dieser in der Medizin leider immer noch weit verbreiteten Handlungsweise haben die Ärzte während der vergangenen Jahrzehnte antibiotikaresistente Keime regelrecht herange- züchtet. Diese multiresistenten Bakterien stellen eine immense Gefahr für uns alle dar.Einer meiner besten Freunde ist kürzlich nach einem kleinen chirurgischen Eingriff an einer durch multiresistente Mikroorganismen hervorgerufenen Infektion verstorben.  

Lange hat man meine Warnungen in Deutschland nicht ernst genommen  – auch nicht im französisch sprechendem Raum, so nach dem Motto: „Dieser deutsche Präventionsmediziner schürt schon wieder die Angst vor Gespenstern, die gar nicht existieren…“

Nun, seit kurzem hat sich die Einstellung zur Verordnung von Antibiotika drastisch geändert.Mehrere wissenschaftliche Abhandlungen zu dieser Problematik sind 2021 in  renommierten Fachzeitschriften erschienen, u.a. in „Nature“und „Science“. Und kürzlich, am 26.November, haben in einem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ unter der Überschrift „Was ist die Zukunft von Antibiotika?“ bekannte Experten meine Thesen bestätigt, unter ihnen: Professor Wieler (Präsident des Robert-Koch-Instituts), Professor Brönstrup (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung), Dr. Joachimsen (Hauptgeschäftsführer der pharmazeutischen Industrie), Professor Sieber (Technische Universität München) und Professor Kern (Universitätskliniken Freiburg). Eine späte Genugtuung für mich, dass endlich unsere Warnungen von einem großen und jetzt hoffentlich auch fachkundigen Publikum gehört werden.

Ihr Dr. Hansheinrich Kolbe                                                                                                   

Facharzt für Gynäkologie, Geburtshilfe und Präventionsmedizin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.