EUROPA  –  ADIEU

BONJOUR TRISTESSE

Ende Dezember ist der französische Wirtschaftswissenschaftler Jacques Delors im Alter von  98 Jahren gestorben. Er war – nach Konrad Adenauer und Charles de Gaulle – einer der profiliertesten und einflussreichsten Europapolitiker und als langjähriger Präsident der Europäischen Kommission an einer Vertiefung der europäischen Integration entscheidend beteiligt. 1989 sprach er sich – anders als die meisten Spitzenpolitiker in Frankreich – für die deutsche Wiedervereinigung aus. Die Reaktion auf seinen Tod in Deutschland: null.

Und wo steht Europa heute? Wir Europäer haben in den vergangenen Jahrzehnten Fehler über Fehler gemacht. Noch größere als im 30jährigen Krieg und historisch wesentlich weit- tragendere als die Nazis im Hitler-Deutschland.

Wir haben nämlich die genialen Gedankengänge und Visionen, die die Europapolitiker Adenauer und de Gaulle nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, weder verstanden, noch geschweige denn realisiert. Mit dem Tod von Jacques Delors ist das Modell „Vereinigte Staaten von Europa“ endgültig gestorben.

Seit der Renaissance haben wir Europäer mit enormem Aufwand für unsere Ideale – für Bildung, gesunden Menschenverstand, Wissen, Forschung, florierende Wirtschaft und Gerechtigkeit und Freiheit für alle – gekämpft. Und das trotz zahlreicher, sehr grausamer kriegerischer Ereignisse.

All diese Anstrengungen unserer Vorfahren, die unserer Eltern und die meiner Generation, ein vom Humanismus geprägtes, geeintes Europa zu kreieren, waren vergebens, obwohl wir uns zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung kurz vor diesem hohen Ziel befunden haben.

Was dann eintrat, ist historisch unverzeihlich: Eine zwischen Naivität, kognitiver Dissonanz und Gleichgültigkeit pendelnde Geisteshaltung gewann in Deutschland – diesem Ober- jammergau des vollkaskoversicherten Bedenkentragens als Breitensport geistiger Trägheit – und im übrigen Europa immer mehr die Oberhand. Bis hin zu der heutigen Situation, dass die Zukunft unseres Planeten weit außerhalb von Europa geplant und gestaltet wird. Ohne Druck von außen haben wir Europäer uns selbst demontiert und ins Abseits manövriert.

Weltweit wird der Westen, leider insbesondere Deutschland, als unglaubwürdig und scheinheilig wahrgenommen. Kulturinstitutionen wie die Goethe-Institute werden überall kommentar- und ersatzlos geschlossen. In den meisten Regionen der Welt ist Europa bedeutungslos geworden, als seien die Europäer „von der geistigen Landkarte unseres (noch) wunderschönen blauen Planeten verschwunden“ (Zitat Nathali Tocci, Chefin der italienschen Denkfabrik Istituto Affari Internazionali).

Im Vergleich zu anderen Ländern hat Deutschland den Anschluss verpasst: Personal-mangel, fehlende Digitalisierung und tsunamihohe bürokratische Hürden lähmen uns tag- täglich. Und eine ungeschickte Asylantenpolitik fördert massiv den Trend zu rechts- und linksextremen politischen Strömungen.

Ja, noch erschütternder: es werden wieder Kriege geführt. Kriege, die ausschließlich von Europa und den USA finanziert werden. Dümmer kann man nicht handeln! Gäbe es ein vereintes Europa, hätte ein so hochgradig gefährlicher Psychopath wie Wladimir Putin sich nie so lange an der Macht halten können – der pervers geistig kranke Präsident der Rus- sischen Föderation, der die ganze Welt bedroht und seinem eigenen Volk – Stichwort: die maroden russischen Infrastrukturen – massiv schadet.

Speziell in Deutschland haben wir gravierende Fehler gemacht, die nicht mehr zu korrigieren sind, da sie uns zwischenzeitlich viele Milliarden gekostet haben und das Klima massiv belasten: Den überhasteten und völlig unlogischen Ausstieg aus der Atomenergie hat damals Angela Merkel – immerhin Physikerin, also vom Fach – herbeigezwungen: mit dem Argument „Fukushima“ (japanischer Irrsinn, in einer hochgradig erdbebengefährdeten Region ein Atomkraftwerk zu errichten) und der Intention, Wählerstimmen einzuheimsen. Die Konsequenzen hat Merkel nie durchdacht. Die unfähige Bande von semidebilen Politgockeln in Berlin, die uns zurzeit regiert, macht es nicht besser.

Und wir braven Steuerzahler zahlen diese katastrophale Fehlentscheidung gleich dreifach: Klimaschädigend – wir mussten die Kohlekraftwerke wieder hochfahren, was den CO2-Ausstoß zusätzlich massiv erhöht. Technologisch – zwischenzeitlich sind saubere Klein- Kernkraftwerke entwickelt worden und in vielen Staaten außerhalb Deutschlands in Funktion. Pekuniär – wir Deutschen sind gezwungen, einen beträchtlichen Anteil unseres Energie- bedarfs für teures Geld im Ausland einzukaufen. Geld, mit dem Putin seinen schmutzigen Krieg gegen die Ukraine finanziert. Dafür fliegt seit einigen Wochen unseren regierenden, ach so „kompetenten“ Politikern in Berlin der gesamte Bundeshaushalt um die Ohren. Traurig: der Weg vom Qualitätssiegel „Made in Germany“ zur politischen Lachnummer.

Abschließend zum ernstesten Szenario: 2023 war die Erde im globalen Mittel so heiß, wie es nie zuvor gemessen wurde – so heiß wie sie seit mehr als 100.000 Jahren nicht gewesen ist. Die Durchschnittstemperatur lag 2023 annähern 1,5 Grad Celsius über dem vor- industriellen Niveau. Damit ist fast die unterste Grenze des Pariser Klimaabkommens erreicht. Wir tanzen nicht – wir dösen auf einem Vulkan.

Das Schlimmste: Zwischenzeitlich nehmen wir die verheerenden Überschwemmungen, die Rekordwaldbrände und Hitzewellen achselzuckend fast als „normale Anomalien“ hin – ohne zu reagieren. Dies wird der größte Vorwurf sein, den uns die kommenden Generationen machen werden: „Wie konnten die damals so blind, naiv und unverantwortlich sein!“

Epilog: Als Teenager hatte ich das Glück, Konrad Adenauer wiederholt persönlich zu treffen. Meine Tanzstundendame, eine bezaubernde Barbie-Puppe, hatte einen Papa, der damals Schatzmeister der CDU und enger Vertrauter Adenauers war. Nie werde ich vergessen, was mir Deutschlands erster Bundeskanzler im Frühling 1955 sagte: „Deiner Generation erteile ich die Aufgabe, ja die Verpflichtung, die „Vereinten Staaten von Europa“ zu gründen.

Ja, was ist daraus geworden…

Ihr Dr. Hansheinrich Kolbe

Facharzt für Gynäkologie, Geburtshilfe und Präventionsmedizin

Ab sofort können Sie meine Kolumnen in meiner neuen Homepage lesen

www.frauenarzt-kolbe.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert